KÜNSTLER-PORTRAIT

Elisa Schmidt

»Ich bin all das, was Du in mir sehen willst«, sagt sie, durch den Rauchschleier ihrer Zigarette. Sanft, aber bestimmt. Mit einer Stimme wie ein Lockruf. »Ist das nicht meine Aufgabe als Künstlerin? Verführen, Träume erfüllen?«, ihre großen, dunklen smokey eyes zwinkern unmerklich, »und ich verführe sehr, sehr gern.« Herausforderndes Schweigen, dann lacht sie. ‘Kokett’, sagte man dazu früher, wenn Mann nicht wusste, woran er war. – Ernst oder Spiel? »Do you want the truth or something beautiful?« kontert sie entwaffnend, mit einem Zitat von Paloma Faith. SCHMIDT spielt ein Spiel. Ein bezauberndes. Mit bildgewaltigen Anspielungen und Zitaten, optisch, atmosphärisch und musikalisch. Reminiszenzen an 20er Jahre- Dekadenz und Schwarz/Weiß-Ästhetik der 60er schmücken den Raum, in dem sie sich und ihren ‘Pop Noir’ inszeniert. Das ‘Pop’ darin atmet rauschhafte Lebenslust, abgehangenes Swingfeel und moderne Urbanität in ein und demselben Zug. Das ‘Noir’ entspringt ihrer Stimme und dem Dunklen, Lustvoll-Abgründigen, das sie besingt.

Ich beschwöre keine vergangenen Epochen«, sagt SCHMIDT, »sondern ein Lebensgefühl. Diesen Gedanken der Freiheit, der immer mal wieder seine Zeiten hatte, in der Kunst, im Leben. Sich einer von außen aufgedrückten Verantwortung zu ergeben – mit 23 den Bachelor, mit 26 in Top-Position. Das bin ich nicht. Warum nicht jeden Tag leben, als wäre er allein ein ganzes Leben wert? «SCHMIDT ist gerade 22. Kaum zu glauben, so sehr scheint sie in sich zu ruhen. Genussvoller Exzess ist für sie keine Flucht, sondern bewusst zelebriertes Leben. »Ich bin ein fest verwurzelter Baum«, lächelt sie. »Ein fest verwurzelter Baum, der seine Äste ganz weit in alle Richtungen streckt, aber nie den Halt verliert.« Und das tat sie schon immer. Mit 16 verlässt sie das Elternhaus und geht an ein Musikinternat im Süden Londons. Aus Fernweh. Mit 17 landet sie schließlich in den USA. Vielleicht ist sie Sängerin geworden, um permanent unterwegs sein zu können. Und überall zu Hause. Zur Zeit ist sie das vor allem im Spannungsfeld zweier Städte. Berlin, dem bunten, relaxten Schmelztiegel, dem nichts zu schräg ist: Am Kudamm Grand Madame spielen, in Kreuzberg als Hippie im Park abhängen, in Berghain die Nächte zum Tag machen. Der andere Pol ist London, die fordernde, von enormer Geschwindigkeit und kreativer Energie getriebene Metropole. Hier trifft sie vor einem Jahr auf den Songwriter und Produzenten Guy Chambers. Begleitet von Musikern des legendären Jazz-Clubs Ronnie Scott’s spielt SCHMIDT in Chambers’ Orgasmatron, auf den Bühnen kleiner Clubs und im Line-Up bizarrer Variety-Shows, während in der Stadt unter dem Begriff ‘Weimar Berlin’ die Dekade des Cabaret eine champagnerschwangere Auferstehung feiert. SCHMIDT inhaliert tief, geht auf in der Szene. Und sie schreibt mit Guy Chambers in dessen Sleeper Sound Studios, Tag und Nacht. Eine knisternde Symbiose, aus der sich Songs und Sounds entwickeln.

Keimzelle ist das atmosphärische Shadowman, es eröffnet den Weg. Dieser führt von Sin City, einem Trip durch Epochen und Bewusstseinszustände, über opulent orchestrierte Balladen wie Stay bis hin zu extraordinären, aber nicht minder hitverdächtigen Songs wie In The Photo Booth, Vodoo Eyes oder Boom Boom. In Alain Delon spielen SCHMIDT und Chambers gekonnt mit dem Thema der britischen Sixties-Kultserie The Persuaders! (dt. Die Zwei; mit Roger Moore und Tony Curtis), für das erstmals eine Textbearbeitung genehmigt wurde; und so, wie dieser Song zwischen vielen Stilen und Klangwelten oszilliert, ist er in einer Weise die klingende Quintessenz des gesamten Albums: Femme SCHMIDT, ihrem Debüt, und Guy Chambers’ erster vollverantwortlicher Produktion seit Robbie Williams’ Escapology. »Wir haben uns eine eigene Welt erschaffen. Aus erlebten Geschichten und verworrenen Phantasien um Verführung, Verlangen, Liebe, Schmerz und Genuss,« illustriert SCHMIDT die Zeit im Sleeper Sound. »Die Songs wurden nicht einfach geschrieben – sie sind dieser Welt entsprungen. «Sie scheint entrückt, wenn sie den kreativen Prozess beschreibt, ringt um den einen, treffenden Begriff. Oft ‘switcht’ SCHMIDT satzweise ins Englische, als müsse sie ein zweites Ich um die korrekte Übersetzung ersuchen. – Ernst oder Spiel? Ein selbstgewisses Lächeln als Antwort. Ein schönes Spiel, allemal.

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